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Warum ich für den Irak-Krieg Bin(=György Konrad) Auszüge


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von Jürgen Kramer präsentiert György Konrad (FAZ) am 27.Feb.2003 20:00

Auszüge:
Frankfurter Allgemeine Zeitung 27. Februar 2003
Warum ich für den Irak-Krieg bin
Wer den Kommunismus als Dissident erlebte, kann Saddam nicht tolerieren / Von György Konrad
_...__ ________ __ _ —— __ ——————————————————————_
Wer heute in Budapest in einer neuen
Demokratie lebt, muß seinen Verstand
nicht strapazieren, um zu der Schlußfolge-
rung zu gelangen, daß Europa ohne die
Angelsachsen heute entweder nationalso-
zialistisch oder kommunistisch wäre oder
aber geteilt beides. Können wir auch wei-
terhin von einer europäisch-amerikani-
schen Zusammengehörigkeit reden, und
wollen wir in diesem Zusammenhang
auch weiterhin von einer maßgeblichen
Voraussetzung für unsere Sicherheit und
Freiheit sprechen? Verdrießlich lese ich
die geringschätzigen Klischees von beiden
Küsten des Atlantischen Ozeans - oder
präziser formuliert: von beiden Seiten des
Ärmelkanals -, wonach die Amerikaner
überheblicher und die mit ihnen hadern-
den Europäer befangener seien. Was mich
betrifft, so halte ich den Antiamerikanis-
mus ebenso wie den Antieuropäismus für
Populismus, der gleichermaßen Groß-
mannssucht wie Minderwertigkeitskom-
plexe verrät.
Stereotype kulturelle Vorurteile und Be-
schimpfungen zeugen von der eigenen Un-
sicherheit, unserer mangelnden Fähigkeit,
Verständnis für andere aufzubringen. Ge-
meinsames Merkmal davon ist eine ideolo-
gistisch geprägte überzogene Verallgemei-
nerung verschiedener aktueller Spannun-
gen. Die Logik eines solchen Vorgehens
ähnelt der des Rassismus; jedes Volk, ob
klein oder groß, kann mit einigen spötti-
schen und unfreundlichen Gemeinplätzen
erledigt werden. Die jüngste transatlanti-
sche Empfindlichkeit erinnert an Ehepart-
ner, die auf einen gereizten Wortwechsel
hin .ihre Gemeinschaft rückwirkend für
Jahrzehnte aufkündigen....
Wir lassen uns in keine Kampagne hinein-
ziehen, weder in eine antiamerikanische
noch in eine gegen diese oder jene europäi-
sche Gruppierung. Wir wollen keine Anti-
amerikaner sein, und antieuropäische
Phrasen lehnen wir ab. Von jenen Mäch-
ten, die wesentlich größer sind als wir, er-
warten wir, daß sie sich an die solidarische
Disziplin der Demokratien halten.
DenRegierungen des Westens kann es
nicht verborgen geblieben sein, daß das
Regime in Bagdad die von den größeren
Mächten, unter anderen von deutschen
Firmen gekauften und als Kampfstoffe
nutzbaren Chemikalien erst im Krieg ge-
gen Iran und dann - bereits nach der mili-
tärischen Niederlage von 1991 - mit einer
Gründlichkeit gegen die eigene kurdische
und schiitische Bevölkerung eingesetzt
hat, die nur als Genozid bezeichnet wer-
den kann. Habe ich nicht die Absicht,
mich selbst zu täuschen, dann kann ich we-
der an eine Unschuld der amerikanischen
noch der deutschen, weder der britischen i
noch der französischen, weder der russi-
schen noch ^er chinesischen Seite glau-
ben. Ich nehme zur Kenntnis, daß sie alle
ihre Interessen haben. Wir, ehemalige Dis-
sidenten Mitteleuropas, sind daran interes-
siert, daß es weniger Diktaturen auf der
Erde gibt. Deshalb ist uns die aufgefrisch-
te antiimperialistische Propaganda deren
Wortführer wie in den Zeiten des Kalten
Krieges groteskes Verständnis für todbrin-
gende Diktaturen bezeigen, nicht sympa-
thisch. Deshalb bringen wir dem iraki-
schen Despoten in seinem Vorgehen ge-
gen das eigene Land und die Völker an
der Peripherie keine demonstrative Tole-
ranz entgegen. Die Anhänger einer als real existierend
bezeichneten friedlichen Alternative spre-
chen von einer bewaffneten Entwaffnung.
Wir dürfen nachfragen: Bedeutet das
nicht Krieg, wenn diese von der anderen
Seite abgelehnt wird? Und wer wird ihn
austragen? Wenn der irakische Präsident
den amerikanischen und englischen Trup-
pen eine Hölle verspricht, was sollte
dann dazu veranlassen, den Befehlshaber
der in blauen Helmen einmarschierenden
französischen und deutschen Truppen mit
einer Einladung zum Abendessen zu emp-
fangen und hernach mit ihm zwecks Besei-
tigung der eigenen uneingeschränkten
Macht zu kooperieren? Gibt es denn nie-
manden, der ihn nach Den Haag bringen
will, damit er Milosevic Gesellschaft lei-
sten kann? Ohne die Souveränität des Dik-
tators zu brechen, wird sich das Bisherige
wieder einstellen. Oder sollte man alles
beim alten belassen?
Wenn 1999 der Einsatz von militäri-
scher Gewalt statthaft gewesen ist - denn demonstriert haben die heutigen Friedens-
aktivisten damals nicht —, was hat sich
dann seit 1999 geändert, daß jetzt gegen ei-
nen nahöstlichen Tyrannen keine militäri-
sche Gewalt angewendet werden darf? In Jugoslawien tobten ethnische Bürgerkrie-
ge, und die Großmächte haben sich auf
der Seite der einen kämpfenden Partei ein-
gemischt. Auch damals wurde viel Geld in
- die Zerstörung gesteckt, wenig dagegen in
den Wiederaufbau und in Hilfsaktionen.
1997 stand ich zusammen mit einer hun-
dertfünfzigtausendköpfigen Menge in Bel-
grad auf dem Platz der Republik, wo die
Redner zum Sturz von Milosevic auffor-
derten und noch dazu die Ablösung des
Regimes verlangten, eine politische Wen-
de. Das Volk pfiff, applaudierte, lachte,
und die bewaffneten polizeilichen Einsatz-
kräfte vergriffen sich an niemandem. Ob
das Bombardement Milosevics Herrschaft
verkürzt oder verlängert hat, ist heute
schwer zu entscheiden. Tatsache jeden-
falls ist, daß der gewählte Diktator schließ-
lich vom Volk in der Hauptstadt gestürzt
worden ist. Aus Bagdad sind solche Bilder
nicht gekommen. Aber wir konnten Doku-
mentarfilme von einer Volksausrottung se-
hen. Den zugänglichen Nachrichtenquel-
len zufolge soll die Grausamkeit des ehe-
maligen jugoslawischen Präsidenten ne-
ben der des irakischen Präsidenten bis zur
Bedeutungslosigkeit verblassen. Wie soll
ich diese Vorliebe für die irakische Will-
kürherrschaft deuten?
Das Wunder verspätet sich
Wäre es nicht doch angebracht, die Sou-
veränität von Staaten, von Regierungen,
die für ihre eigene Bevölkerung und die
Nachbarländer gefährlich sind, vorüberge-
hend zu suspendieren? Gegebenenfalls so-
gar mit militärischem Druck? Ebenso wie
die modernen nationalen Gesellschaften
über professionelle bewaffnete Organisa-
tionen verfügen, so könnte auch die mo-
derne internationale Gesellschaft solche
einsetzen, wenn gefährliche Verbrecher in
einem Land die totale Macht an sich geris-
sen haben. Die Ordnungsmächte müssen,
wenn es notwendig und möglich ist, Leben
und Freiheit der Bürger verteidigen.
Wenn es eine irdische Gerechtigkeit gibt,
dann werden die mordenden Diktatoren
ihre alten Tage im Gefängnis verbringen.
Polizisten werden für eine Stadt ebenso ge-
braucht wie für die Welt, Von einem Polizi-
sten erwarten wir keine Rhetorik, sondern
Sicherheit. Wenn es für die Waffen kein in-
ternational kontrolliertes Monopol gibt,
dann treiben provinzielle Kriegsherren ihr
Unwesen.
In der Osthälfte Europas herrschte vor
1989 die allgemeingültige Anschauung,
Demokratie gebe es hier deshalb nicht,
weil sie gar nicht möglich sei, weil sie mit
den Parteistaaten unvereinbar sei. Mit an-
deren Worten: unmöglich sei sie deshalb,
-weil es sie nicht gebe. Das gleiche wurde
auch in den südeuropäischen und südame-
rikanischen Militärdiktaturen behauptet.
Und siehe da: Sie ist vereinbar. Vereinba-
ren lasse sie sich nur mit den biblischen
Lehren? Aber was ist mit Indien? Und Ja-
pan? Die Demokratie toleriert alle Reli-
gionen. Von irgendeiner Religion wird die
Demokratie nicht toleriert? Sie sei unver-
einbar mit dem muslimischen Glauben?
Wie viele Schlachten werden an allen Ek-
ken und Enden in den Demokratien der
Welt ausgetragen? Auf die Behauptung,
daß der demokratische Rechtsstaat im Na-
hen Osten nicht möglich sei, weil er mit
dem Islam unvereinbar sei, gibt es. nur
eine Antwort: Wie lange noch? Bis sich ir-
gendwo herausstellt, daß beides doch mit-
einander vereinbar ist. Würde mir jemand
sagen, daß die Gläubigen des Islam vor
der Obrigkeit gern Angst haben möchten
und daß sie freie Wahlen selbst dann ver-
achten würden, wäre ihnen die Möglich-
keit dazu gegeben, dem würde ich sagen,
er sei ein Rassist. Sollten unsere Mitmen-
schen im Nahen Osten tatsächlich darauf
bestehen, daß sie von den Behörden gefol-
tert oder gar getötet werden dürfen Be-
vor ich lächelnd Abschied nehme von je-
nem Zeitgenossen, der das behauptet, wür-
de ich daran erinnern, daß Diktaturen brü-
chig sind, daß es manchmal nicht schaden
kann, ihnen einen Stoß zu versetzen. Das
erste Datum, auf das ich mich berufen wür-
de, wäre 1945.
Auch Wunder hat es schon gegeben:
runde Tische, an denen Macht und Oppo-
sition einen Vertrag über einen verfas-
sungsmäßigen Übergang unterschrieben
haben. Der Wagen des Mars rattert schon.
Und das Wunder verspätet sich.

György Konräd, Jahrgang 1933, ist Schriftsteller
und Präsident der Akademie der Künste, Berlin.






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